Akademische Bieranstalt
"Cavete Münster!"

seit 1959




Die ungewöhnliche Geschichte und der einmalige Status der Cavete beginnt schon mit dem Namen, der einmal als ,,geistiges Eigentum" der Studentenschaft bezeichnet wurde; dem Namen, der lateinisch ist und auf den berühmten Weustenfeld-Artikel zurückzuühren ist, der im Semesterspiegel 1958 erschienen war und die Probleme der Studenten beschrieb. Die Cavete wurde von Anfang an als eine Sache von öffentlichem Interesse betrachtet, ja fast als Teil der Universität. Der Titel ,,Akademische Bieranstalt", den die beiden Gründer der ersten Studentenkneipe Münsters ihr spaßeshalber zulegten, war nicht nur ein Witz, er wurde vom Rektor der Universität wohlwollend gebilligt.

Als mein Mann Lothar Weldert und sein Kommilitone W.O. Jedamzik 1959 mit einem Empfehlungsschreiben des Rektors zum Direktor der Germania-Brauerei stiefelten, hatten sie keine Ahnung vom Geschäft, sie wollten, angeregt durch das Pamphlet, etwas Verrücktes machen und brauchten dazu ein geeignetes Lokal.

Die Nöte der Studenten beschäftigten ganz Münster, alle wollten helfen, alte Omas spendeten Einrichtungsgegenstände, Studenten arbeiteten auf der Baustelle zusammen mit Strafgefangenen und wurden von Damen der münsteraner Gesellschaft mit Essen versorgt. Professor Klemm, der berühmte Chemiker und Nobelpreisanwärter, der damalige Prorektor der Universität, kletterte auf das Dach um zu sehen, ob es auch regendicht sei und die Brauerei nicht auf Kosten der Studenten gespart habe.

Es war die Zeit, wo die Helfer freiwillig kamen und ihre Dienste anboten, weil sie von der Begeisterung angesteckt waren, etwas Besonderes machen zu können. Die Cavete war so ganz anders als alles, was man bisher kannte. Bürgerliche Lokale waren bieder und solide, Studenten hatten sich anzupassen, gingen in Schlips und Kragen und siezten einander. In der Cavete ging es unkonventionell zu, auch etwas chaotisch, und das zog viele Leute an, nicht nur Studenten.

Viele Künstler arbeiteten dafür, dass sie etwas zu essen bekamen und diskutieren konnten. Die Künstlervereinigung ,,Gruppe 60" wurde hier gegründet. Es gab Ausstellungen, Dichterlesungen, sogar Seminare wurden in der Cavete abgehalten.

Die Musik, die man in der Cavete hören konnte, war für viele aufregend neu: Jazz! Erst später spielte Onkel Hans am Flügel jeden Abend klassische Musik, 10 Jahre lang. Anfangs haben sich die Bands darum gerissen, in der Cavete auftreten zu können, oder Musiker fanden sich hier erst zusammen. Meist spielten sie ohne Gage, es war alles nur Spaß. Benny Goodman ließ sich nach einem Konzert in der Halle Münsterland in die Cavete abschleppen und improvisierte mit der Cavete-Band auf der Klarinette, die er sich vom Klarinettisten geliehen hatte.

Es war die Zeit der großen Feste und Aktionen:

Das Fest im Rattennest-Cavete im Exil, das legendäre Apfelfest zu Ehren des Malers Pieter Breughel und zugunsten der Kathedrale von York - die Schwedenfahrt zur Habilitationsfeier eines ehemaligen Cavete - Kellners mit extra dafür gebrautem Leichtbier, um nur einige zu nennen.

Lange Zeit war die Cavete aber auch ein Ort des politischen Engagements und der Diskussionen, öffentlicher wie privater. Ulrike Meinhof; Vorsitzende im SDS, fand in der Cavete Freiwillige um Flugblätter zu verteilen.

Alle großen Themen in der Geschichte der BRD hat Menschen in der Cavete miteinander ins Gespräch gebracht: West-Ost-Probleme, Mauerbau, Wiederbewaffnung der BRD, das Verhältnis zu Amerika, gesellschaftliche Veränderungen. Die Cavete wurde zum bestgehassten Unruheort, an dem der inzwischen legendär gewordene Verfassungsschutz ständig präsent war. In der scheinbar plüschigen Gemütlichkeit der Akademischen Bieranstalt empfanden sensible Zeitgenossen den Ekel vor dem Wirtschaftswunder, in dessen Bann alles Alte über Bord geworfen wurde samt jüngster Geschichte. In der Einrichtung hatten Künstler mit sicherem Gespür die kommenden Umbrüche vorweggenommen. Es wurde viel über Kunst geredet und was der Einzelne dazu beitragen könne, die Welt im Kleinen zu verändern und das Leben lebenswerter zu machen. Aus dem Jahr 1970 gibt es eine Staatsarbeit an der PH, die sich mit einem Thema beschäftigt, das in der Cavete angeregt wurde: ,,Die ästhetischen Elemente in den Ausstattungen der Studentenkneipen Münsters".

Auch die lokalen Probleme ließen die Cavete nicht unberührt: die Kuhviertelplanung, die geplante Erweiterung der Münzstraße, das Problem der englischen Armeesoldaten, die Verlagerung des Zoos, die Farbgestaltung der Häuser und immer wieder die Entwicklung des Stadtbildes sind einige Themen, mit denen wir uns notgedrungen auseinandersetzen mussten, und immer haben wir öffentlich Stellung bezogen, sei es in Diskussionsrunden mit den Parteien, durch Plakate, Umzüge oder Karnevalswagen. Das Motto des ersten von der Cavete inspirierten Karnevalswagen war noch:

,,Die Wirtin und ihr Student (gemeint war die Zimmerwirtin) - Cavete erlöst alle!" Als die Stadt den farbigen Anstrich des Blauen Hauses beanstandete, haben wir mit der Landjugend einen Wagen gebaut mit dem Motto: ,,Die Stadt will grau - wir wollen blau!" Dabei war das erste farbige Haus in der Kreuzstraße, wenn nicht in Münster überhaupt, die lila Cavete! Und die gab es damals schon seit mehr als 10 Jahren.

Bei all dem darf man nicht vergessen, dass die Cavete ja auch ein wirtschaftliches Unternehmen war, das sich selbst tragen musste. Der Rektor der Uni hatte Lothar Weldert und seinem Klassenkameraden 1959 zwar 300,- DM aus einem Sonderfonds zur Verfügung gestellt, damit sie sich in anderen Städten umsehen konnten, wie man so eine Studentenkneipe einrichten könnte, aber alle spätere Unterstützung war rein ideeller Natur. Es gab auch mal eine Diskussion in einer Ratssitzung, ob man nicht von Seiten der Stadt der Cavete eine öffentliche Förderung zukommen lassen sollte, um das gute Einvernehmen zwischen Bürgern und Studenten zu unterstützen. - Leider ist es bei dieser guten Absichtserklärung geblieben.

Der Erfolg der Cavete war enorm, und ihr Ruf drang weit über die Grenzen Münsters hinaus, nicht nur wegen der Skandalgeschichte, die zu ihrer Gründung geführt hat. Aber Geld war trotzdem nie genug da. Und wenn welches da war, wurde es übermütig und großzügig auch gleich weiterverschenkt. Die Cavete hat schon sehr früh ein Stipendium über mehrere Semester vergeben, noch dazu an einen Ausländer, einen Afrikaner. Die Cavete war eben schon immer ihrer Zeit voraus.

Wie es kam, dass sich keine Reichtümer anhäuften, obwohl das Lokal ständig brechend voll war, lag wohl auch an der unbekümmerten Sorglosigkeit, mit der die geschäftlichen Dinge in den ersten Jahren gehandhabt wurden: Die Lieferanten mussten morgens an die Fensterscheiben klopfen, wie die alte Dame von der Schnapsbrennerei, die rief dann energisch: ,,Jungs, aufstehen, ich will mein Geld haben!" Die Rechnungen, alle noch handgeschrieben, lagen in der Küche rum, mit Fettflecken und Erdbeersaft bekleckert. Begriffe wie Wareneinsatz oder Rentabilität spielten in den Anfangsjahren keine Rolle. Mit der Zeit, als andere Studentenkneipen der Cavete Konkurrenz machten, hat sich das geändert.

Jürgen Röttger, der die ganze Vorgeschichte als interessierter Zuschauer und vor allem musikbegeisterter Stammgast der Cavete verfolgt hat, und den wir wegen seiner geschäftlichen Erfahrung 1970 um Hilfe gerufen haben, als wir das Blaue Haus eröffneten, hat sich erst mal die Haare gerauft, als er das ganze Durcheinander übersah.

Dann wurden die Gesetze strenger, die Technik immer fortschrittlicher, und die Cavete musste manches an liebgewordener Schlamperei aufgeben.

Aber die menschliche Seite der Arbeit ist uns immer wichtiger gewesen als das glatte Funktionieren. Generationen von Kellnern, die Jürgen Röttger seit 30 Jahren begleitet und weitgehend geprägt hat, verbinden noch heute Heimatgefühle mit der Cavete und tragen den Ruhm Münsters und seiner ersten Studentenkneipe in alle Welt.

Nach dem Tod des Cavete-Gründers Lothar Weldert (+1988), dem Ideengeber und Initiator nachhaltiger Aktivitäten, haben seine Familie und seine Freunde, vor allem Jürgen Röttger als Geschäftsführer, sich in besonderer Weise dieser ,,Institution" verbunden gefühlt, die nun in andere Hände übergeht.

Die Cavete ist als Zeitzeuge und Brennpunkt vieler Strömungen in 41 Jahren zum historischen Ort geworden. Die ,,Akademische Bieranstalt Cavete Münster" mit dem Akademiker hinter und vor dem Tresen ist vom schillernden Außenseiter zu einem Bestandteil münsterscher Stadtkultur geworden. Beliebtheit und Erfolg dieser Kneipe waren möglich, weil bei aller unternehmerischen Initiative das wirtschaftliche Denken nicht an erster Stelle stand. Mit ihrer Tradition von 41 Jahren steht sie für Lebensqualität und Gemeinsinn.

Dass die Cavete ein Ort ist, zu dem sich auch heute noch so viele Menschen hingezogen fühlen, liegt nicht an der Ausstattung allein. Dahinter steht das unablässige Bemühen, hier etwas Besonderes zu schaffen. Das wäre ohne Mitstreiter, vor allem ohne die Künstler nicht zu verwirklichen gewesen. Von diesen haben besonders Joachim v.Appen und Hilke Duis das Erscheinungsbild der Cavete geprägt. Das Beste war dabei nicht immer das Teuerste. Jedes Stück und jedes Detail ist mit sehr viel Liebe, Sachkenntnis und Phantasie, aber mit sparsamen Mitteln geplant und ausgeführt.

An dieser kleinen Welt, die die ganze Kreuzstraße mit einschließt, haben viele Menschen verantwortungsvoll mitgewirkt und oft auch ihren Spaß dabei gehabt.

Der tiefere Sinn des Namens ,,Cavete" sollte nicht verloren gehen:

Hütet Euch! Seid wachsam!


Wer aber erst eimnal die Stufe mit dem Cavete-Hund überschritten hat, der möge sich hier wohlfühlen.